Rettet den Landarzt

Zukunft der Arztpraxen im ländlichen Raum diskutiert

Den Titel der Zusammenkunft am Dienstagabend im Treffurter Ratssaal hatte Bürgermeister Michael Reinz einer Sendung des Norddeutschen Rundfunks, die am Abend zuvor über den Bildschirm flimmerte, entnommen, obwohl der heutige Termin schon länger feststand. Landärztin Dr. Silke Först aus Ifta hatte den Bürgermeister angesprochen, die Thematik doch einmal im größeren Kreis mit den betroffenen Praxen im Nordkreis zu erörtern, weil das Problem auch im hiesigen Raum ansteht. Auch Landrat Reinhard Krebs hatte sein Kommen zugesagt und von der Kassenärztlichen Vereinigung interessierte sich Annette Rommel für das Anliegen ihrer Kolleginnen und Kollegen im nördlichen Wartburgkreis. Die Bürgermeister der Praxisstandorte und Treffurter Stadträte ergänzten den Gesprächskreis. Annette Rommel schätzte in ihrem Situationsbericht zunächst ein, dass in Thüringen zur Zeit jeder Patient relativ gut und schnell eine Praxis erreichen kann. Als problematisch wird allerdings auch in der KV die Altersstruktur in den ländlichen Praxen gesehen, weil ältere Kollegen ausscheiden und kein Nachwuchs zur Übernahme zur Verfügung steht. Die Gründe hierfür sind vielschichtiger als vielleicht bisher angenommen, denn die weniger ausgeprägte Infrastruktur in der ländlichen Region ist oft schon ein Grund, weshalb junge Ärzte ablehnen. Kliniken bieten zudem feste und geregelte Arbeitszeiten an, während die Landärzte trotz höherer Flexibilität fast die doppelte Zeit bei der Betreuung ihrer Patienten aufwenden. Sicherlich nachvollziehbare Gründe, die deshalb aber auch eine Veränderung der Rahmenbedingungen erforderlich macht, fordert auch die KV von der Politik. Zudem sei es unbedingt notwendig, auch die Zugangsbedingungen zum Medizinstudium zu überdenken, denn interessierte gute Abiturabsolventen erhalten oft gar keine Möglichkeit, während andere zugelassene Medizinstudenten hinwerfen, weil es doch nicht das Richtige sei. Eine Lösung, wie das Problem auf dem Land zu lösen ist, hatte keiner der Gesprächspartner am Dienstagabend parat, wohl auch, weil viele schon ihre Erfahrungen gemacht haben. Silke Först beschäftigt seit Jahren schon Studenten während ihres Praktikums, für die die Praxis auf dem Land sich wie ein Abenteuer anfühlt, eben wegen der sporadisch fahrenden Busse oder der Einkaufsmöglichkeiten erst im Nachbarort. Mihlas Bürgermeister Rainer Lämmerhirt fragt sich schon länger, wie das Problem zu lösen ist, nachdem er schon zwei Schließungen miterleben musste. Auch starre bürokratische Hemmnisse, die entgegenstehen, etwa um ein Bauvorhaben zu beschleunigen, machen da manches Engagement zunichte. „Es kann nicht das Normale sein, dass unsere Ärzte so viel mehr leisten müssen“, spricht auch Lämmerhirt die Rahmenbedingungen an, die eine Ansiedlung schon erschweren. Die großen Versäumnisse der Politik in der Vergangenheit sprach der Creuzburger Internist Dr. Thomas Freier an. Der demografische Wandel sei in der Ärzteschaft schon lange angekommen, „der Hausarzt von früher wird nicht überleben“. Lange Arbeitszeiten und das finanzielle Risiko machen eine Niederlassung junger Ärzte nicht attraktiver, sieht Freier eher pessimistisch in die Zukunft. Annette Rommel sieht das optimistischer und weiß aus der Erfahrung, dass junge Ärzte anfangs lieber angestellt sind, dort aber ebenso verantwortungsvoll mit ihren Patienten umgehen und einige dann doch den Weg zur eigenen Praxis gehen. Immerhin weise die KV auch auf ihrer Internetseite auf ihre Landarztpraxen hin und versuche, die jungen Ärzte damit anzusprechen. Landrat Reinhard Krebs war indes sehr erfreut über die Zusammenkunft und zeigte auf, wie der Landkreis sich seit 10 Jahren schon dieser Verantwortung stellt. „Der Wartburgkreis hat den Vorteil, zwei gut funktionierende Kliniken in Bad Salzungen und Eisenach zu haben“, damit, den MVZ und den niedergelassenen Ärzten können wir die Versorgung im Kreis absichern, konstatierte der Landrat und bescheinigte der derzeitigen Struktur eine gewisse Sicherheit. Dennoch sieht auch er die Entwicklung und nennt die Erhaltung und Wiederbesetzung der vorhandenen Praxen auch seine Wunschvorstellung. In Richtung der Krankenhäuser war die Meinung im Saal allerdings nicht unkritisch, denn mit dem Aufkaufen von Praxen gehen Stellen und Leistungsfähigkeit im ländlichen Raum verloren. Stadträtin Manuela Montag, die ja selbst täglich mit Praxisarbeit befasst ist, sprach das Problem als gesamtgesellschaftliches an und nannte die bürokratische Gängelung heute noch größer als zu DDR-Zeiten. Mit der Regulierungswut, die der Gesetzgeber an den Tag legt, ist indes auch Annette Rommel im Clinch, weil die Praxis eben anders aussieht. Dass hingegen die jungen Kollegen und Studenten auch gern in ihrem Fach arbeiten, bestätigte Ursula Trebing aus Wanfried aus der Erfahrung mit ihren Praktikanten. Doch hatte auch sie ausgemacht, dass die viele Arbeit in Eigenverantwortung und die fachlichen wie finanziellen Risiken eben auch von der Niederlassung abhalten. Das große Gut der Landärzte, mit der Kenntnis langer familiärer Krankheitsgeschichten besser helfen zu können, sei da auch im Bewusstsein noch nicht angekommen. Hoffnung machte da aber die Aussage von Katharina Höppner. Die junge Ärztin, die in der Gemeinschaftspraxis Hohnstein/Wenda in Treffurt Dienst tut, möchte ihren Weg als Landärztin unbedingt weitergehen.

Michael Reinz sah nach der Zusammenkunft erst recht die Zusammenarbeit der gesamten Region als notwendig an, zumal er jetzt den Verlust der Praxis von Katrin Regenspurger in seinem Stadtteil Großburschla zu verkraften hat. Selbst über ein kommunales Gesundheitszentrum, wie aus der Fernsehsendung beispielhaft aufgezeigt, wird jetzt wohl unter den Bürgermeisterkollegen diskutiert werden. Ein erster Schritt, der an diesem Abend gemacht werden sollte, war ja ohnehin schon getan. Der Landrat hatte zudem versprochen, die im Südkreis schon erfolgreich praktizierte Scoutingtour der Medizinstudenten auch auf den Nordkreis auszuweiten. Mit Bürgermeister Reinz will er außerdem einen Brief an den Ministerpräsidenten und das Ministerium verfassen, was noch einmal den Ernst der Lage verdeutlichen soll. Auch auf den Internetauftritt und den Kontakt zur Stiftung der KV wurde noch einmal aufmerksam gemacht. Im Weiteren will man sich in dieser Runde natürlich auch künftig weiter austauschen, so das Resümee von Michael Reinz.

Text und Fotos: Rüdiger Schwanz

 

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